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 Barfuß: Anatomie / Lauftechnik

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Barfußlaufen ist nicht nur eine höchst bequeme Angelegenheit, sondern lässt sich auch anatomisch als sinnvollste Bewegungsart nachweisen. Auch für das Joggen/Laufen bietet das Barfußlaufen einiges, sogar für Schuhträger.

Der nachfolgende Text wurde entnommen aus: Dr. Thomas Wessinghage (2001):"Laufen: Lauftechnik", in der Reihe blv coach, BLV, ISBN 3-405-16082-0, 8.90 DM, S. 14-17:

blv coach: Lauftechnik

Dr. Thomas Wessinghage kann auf eine 20jährige Karriere als Mittel- und Langstreckenläufer zurückblicken und ist mittlerweile ärztlicher Direktor der Rehaklinik Saarschleife, Mettlach-Orscholz.

Barfußlaufen

Im Erbgut des Menschen ist die Fähigkeit zu laufen genetisch verankert. Und zwar ohne Hilfsmittel: ohne dämpfende oder stützende Laufschuhsohlen, auf natürlichem Boden. So wie wir es aus den Berichten der ostafrikanischen Spitzenläufer kennen, die von kilometerlangen Schulwegen zu erzählen wissen, die sie täglich zurücklegen mussten - und das natürlich barfuß, im Laufschritt.

Schema FußgewölbeDer menschliche Fuß hat keine großartig gepolsterten Areale, keine Luftkissen, mit denen das Körpergewicht weich abgefangen werden könnte. Aber er ist ein sehr anpassungsfähiges, wenn auch kompliziertes Gebilde. Durch eine Konstruktion aus zwei annähernd senkrecht zueinander stehenden Gewölben können sehr hohe Druckbelastungen abgefangen werden. Die eigentliche Stärke des menschlichen Fußes besteht dabei nicht in seinen statischen, sondern in seinen dynamischen Fähigkeiten. Eine Vielzahl von Gelenken, bewegt, aber auch ggf. fixiert durch die Fuß- und Unterschenkelmuskulatur, ermöglicht dem Fuß die Anpassung an unterschiedlichste Bodenverhältnisse und Belastungsanforderungen.

Beim Gehen wird der Fuß vergleichsweise vorsichtig mit der Ferse auf den Boden aufgesetzt. Stöße, Prellungen etc. werden aufgrund der hervorragenden Fähigkeit des Menschen zur Bewegungssteuerung (sog. Propriozeption) vermieden. Beim Laufen sind die auftretenden Kräfte zwei- bis dreimal höher als beim Gehen. Hier ist die dünne Schicht von Organfett unter der Ferse schnell überfordert. Zudem kann von einem echten "Abrollen" des Fußes keine Rede sein. Denn das Längsgewölbe ist - zumindest beim gesunden Fuß - an der Fußsohle konkav.

Folglich berührt beim Barfußlaufen ganz unwillkürlich zuerst der Vorfuß den Boden - ähnlich wie beim Laufen auf der Stelle. Die Beweglichkeit der Gelenke und die Dehnfähigkeit der Muskulatur sorgen dabei für einen effektiven Schutz des Bewegungsapparates. Sie dienen zum Einfedern und damit zur Dämpfung der Belastung beim Laufen.



Bein- und Fußmuskulatur

Besonders wichtig in dieser Phase ist der dreiköpfige Wadenmuskel (M. triceps surae), der durch exzentrische Kontraktion (Kraftentfaltung als Widerstand gegen passive Dehnung) hohe Kräfte abfangen kann. Aktiv stabilisiert wird der Rückfuß mit Hilfe des hinteren Schienbeinmuskels (21) und des Großzehenbeugers (19), die das Sprungbein in seiner anatomischen Position fixieren. Zusätzlich wirken der vordere Schienbeinmuskel (17) und der lange Wadenbeinmuskel (26) wie ein Steigbügel. All diese Funktionen werden quasi geopfert, wenn der Fuß mit der Ferse zuerst aufgesetzt wird.

Fersen- oder Vorfußläufer?

Zugegeben, wir, die in Industrieländern lebenden Menschen, laufen nur noch sehr selten barfuß. Natürliche Bodenverhältnisse, die das erlauben würden, finden sich noch auf einigen Rasenflächen oder im Urlaub am Strand. Und selbst dort spüren wir, dass die Haut unserer Füße weich und entwöhnt ist. Blasen und aufgescheuerte Stellen treten schneller auf, als uns lieb ist.

Dennoch, Barfußlaufen ist die natürlichste Art der Fortbewegung jenseits von Gehen. Für diesen Bewegungsablauf sind der Fuß, das Bein, die Muskulatur, die Gelenke des Menschen gemacht. Ihr harmonisches Zusammenspiel ist die Folge einer mittlerweile Millionen von Jahren währenden Entwicklung. Weich gedämpfte Laufschuhe haben in der Evolution hingegen keine Rolle gespielt.

Also erscheint es sinnvoll, sich bei der Suche nach dem eigenen, individuellen Laufstil an den natürlichen Gegebenheiten zu orientieren und nicht ein bewährtes Bewegungssystem dem industriellen Fortschritt zu opfern - mit unbekannten Folgen. Der Laufstil, der barfuß der beste ist, sollte uns also auch dann als Maßstab dienen, wenn wir Laufschuhe tragen.

In der Natur gilt das Prinzip der Nutzung. Use it, or lose it! Nutze es, oder verlier' es! Fähigkeiten, die nicht eingesetzt werden, gehen verloren. Andererseits kann durch immerwährendes Üben auch ein Greis geistig wach und frisch, eine Tänzerin im hohen Alter noch beweglich und gelenkig sein wie ein junger Mensch. Insofern sollten wir versuchen, unsere Muskulatur und Gelenke beim Laufen einzusetzen und als Federungs- und Dämpfungsmechanismen zu nutzen. Diese Funktion sollten wir nicht alleine dem Fuß überlassen. Dies gilt vor allem für Kinder und Jugendliche, die mit dem Laufen beginnen und es von Anfang an richtig erlernen sollten. Und für diejenigen, die Beschwerden beim Laufen verspüren, die mit dem Laufstil in Verbindung gebracht werden könnten (Achillessehnenentzündungen, Knieschmerzen, Muskelverhärtungen, etc.).

Ihr Coach meint

Lang bewährte Gewohnheiten gibt man nicht leicht auf. Manchem wird es schwer fallen, den Laufstil zu ändern. Und selbstverständlich dauert es eine Weile, bis sich der Körper an die neuen Belastungen gewöhnt hat. Insofern sollten Sie das Vorfußlaufen - wie jede gute Medizin - zunächst in sehr kleinen Dosen zu sich nehmen. Wenn Sie sich daran gewöhnt haben, steht auch längeren Läufen dieser Art nichts im Wege.

Entnommen aus: Dr. Thomas Wessinghage (2001):"Laufen: Lauftechnik", in der Reihe blv coach, BLV, ISBN 3-405-16082-0, 8.90 DM, S. 14-17

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(c) BLV Verlagsgesellschaft, bearbeitet von  Kai W. Dörfner, zuletzt aktualisiert am 02.02.2003